Zur Röder-Debatte


Die Saarbrücker Hefte stießen eine längst überfällige Debatte zur NS-Vergangenheit des ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Franz Josef Röder an. Die Chronologie der Debatte haben wir hier zusammengefasst, und auch die maßgeblichen Texte, die im Zuge derer in den Saarbrücker Heften erschienen sind, unten auf dieser Seite als Volltexte zur Verfügung gestellt.


Chronologie einer saarländischen Historikerkontroverse

Franz Josef Röder war langjähriger Ministerpräsident des Saarlandes. Zunächst Kultusminister unter Egon Reinert, wurde er nach dessen unerwartetem Tod zum neuen Landesvorsitzenden der CDU und am 30. April 1959 zum Ministerpräsidenten des Saarlandes gewählt. Damit begann seine 20 Jahre währende Amtszeit. Franz Josef Röder wurde als Landesvater lange Zeit verehrt, bis heute erinnert die nach ihm benannte Franz-Josef-Röder-Straße in Saarbrücken an seine Amtszeit. Geprägt wurde das Bild Röders lange durch eine Biographie, verfasst von Erich Voltmer. Franz Josef Röder: Ein Leben für die Saar erschien kurz nach Röders Tod im Jahr 1979. Wie der Titel bereits erahnen lässt, handelte es sich eher um eine Hommage denn eine neutrale und kritische Skizzierung der öffentlichen Person Röders. Dessen NS-Vergangenheit war zwar bekannt, man sprach aber nicht darüber.

Bis zum Jahr 2003, als in den Saarbrücker Heften ein Beitrag Erich Späters veröffentlicht wurde. In dessen Beitrag „Das Wort des Führers ist unser Befehl – Heinrich Schneider ein deutscher Patriot“ ging es nicht vordergründig um Franz Josef Röder, sondern die NS-Vergangenheit von Heinrich Schneider (DPS). Später legt dennoch erstmals einen Beitrag vor, der die Vergangenheit Röders und dessen Laufbahn in der NS-Zeit kritisch beleuchtet und mit Quellen dokumentiert. Daraufhin geschah lange Zeit: nichts.

Bis 2012. Hans-Peter Klausch veröffentlichte im Auftrag der Fraktion der Linkspartei im Saarland eine Publikation zu den „Braunen Spuren im Saar-Landtag“. Im Vorwort führt Oskar Lafontaine, der in seiner Zeit als Oberbürgermeister von Saarbrücken höchstpersönlich für die Umbenennung der „Hindenburg-Straße“ in „Franz-Josef-Röder-Straße“ sorgte, aus, wieso Röder der Überzeugung nach kein Nazi gewesen sein könne. Die Argumente sind, höflich formuliert, erstaunlich: Röders Hinwendung zu Fremdsprachen und romanischer Literatur widerspreche einer völkisch-nationalistischen Denkweise, etwa. Vermutlich war es diese Publikation der Linkspartei, die Erich Später dazu bewog, nochmal umfassender zu Röders Vergangenheit zu recherchieren: In einem weiteren Beitrag, Der Landesvater, ebenfalls veröffentlich bei den Saarbrücker Heften, zeichnet er das Bild von Röder als dem eines überzeugten Nationalisten, der eine einwandfreie Karriere in der NS-Zeit hinlegte und sich sogar als Propagandist für NS-Ideologie betätigte. Das Fazit:

„Franz Josef Röder war kein Ehrenmann und verdient auch keine öffentliche Ehrung.“

Erich Später

Peter Wettmann-Jungbluth, seines Zeichens Archivar beim Landesarchivs des Saarlandes, will das nicht auf Röder sitzen lassen. 2013 veröffentlicht er in den saargeschichte|n den Beitrag „Im Schatten der Geschichte – Fakten und Überlegungen zu Franz Josef Röders Vergangenheit vor 1945“, in dem er Röder gegen Verurteilungen verteidigt, den Kritikern unsaubere Methodik vorwirft und Später reichlich unprofessionell als „vom blinden Furor des beseelten Nazijägers“ getriebenen bezeichnet.

Mit Heinrich Küppers schwingt sich im November 2015 ein weiterer Verteidiger der Röder’schen Ehre auf, einen Beitrag zur Debatte zu leisten. Seine Röderbiographie, im Auftrag der CDU-nahen Unionsstiftung, räumt ein, dass es zumindest undurchschaubar sei, inwieweit Röder tatsächlich Widerstand geleistet habe und entwirft das Bild eines notgedrungen angepassten Röder, der aber dennoch in keiner Form an NS-Verbrechen beteiligt gewesen sei.

Dieser Reinwaschung im Auftrag der CDU widerspricht Julian Bernstein, zum damaligen Zeitpunkt Redakteur der Saarbrücker Hefte, in seinem Text „Moralisch im Reinen“ mit Nachdruck. Röder habe keineswegs große Vorbehalte gegenüber dem Nationalsozialismus gehabt. Vielmehr ergebe sein politisches Wirken das Bild „eines jungen nationalsozialistischen Kaders.“

Podiumsdiskussion zum Thema eskaliert

2016 dann der Showdown, eine Podiumsdiskussion im Saarbrücker Schloss, organisiert von der Peter-Imand-Gesellschaft. Moderiert von Jürgen Albers vom Saarländischen Rundfunk diskutieren hier Erich Später, Julian Bernstein, Hans-Christian Herrmann und Peter Wettmann-Jungblut. Zunächst verlief die Debatte trotz unterschiedlicher Positionen sachlich, wurde dann aber schnell konfrontativ. Stadtarchivar Hans-Christian Herrmann spekulierte, offenbar in der Absicht, Entlastungsmomente für Röder zu konstruieren, wild drauf los, Landesarchivar Wettmann-Jungblut „argumentierte“ mittels angeblicher Zitate aus der Voltmer-Biographie, die, wie Erich Später adhoc nachweisen konnte, aber schlicht erfunden waren. Die Diskussion wurde aufgezeichnet und kann hier in Gänze nachvollzogen werden:

Nach dieser Podiumsdiskussion, 2017, erschien eine eigene Publikation von Hans-Christian Herrman zu Röder. Herrmann kritisiert Röder dafür, aus seinem Mitläufertum nachträglich eine Gegnerschaft stilisiert zu haben. Weiter möchte er nicht gehen, er sieht bei Röder zwar das „Bekenntnis zum Deutschtum“, aber keinen ausgeprägten Nationalismus. Dazu zitiert Herrmann eine Studie des Historikers Johannes Koll, welche belegen soll, dass Röder in keiner Nähe zu den NS-Verbrechen im besetzten Niederlande stand. Der Wiener Historiker Johannes Koll verbat sich jedoch strikt, hier als Kronzeuge herangezogen zu werden und sah sich veranlasst, eine Richtigstellung in den Saarbrücker Heften veröffentlichen zu lassen, in der er die Bedeutung der Beiträge Späters und Bernstein vielmehr nochmals dezidiert hervorhob.

Saarländische Top-Archivare: statt Fachkompetenz persönliche Angriffe

Wettmann-Jungblut seinerseits macht, nachdem er auf der Bühne vor Publikum der Lüge überführt wurde, seiner gekränkten Ehre in einem zweiten umfassenden Artikel in den saargeschichte|n Luft. Unter dem Titel „Lügen und andere Wahrheiten“ greift der Später und Bernstein persönlich an, diffamiert ihre Arbeit durch den Vergleich mit dem „politischen Stil Donald Trumps“. Inhaltlich erneuert Wettmann-Jungblut die Einschätzung, dass Röder keine sichere SA-Mitgliedschaft zuzurechnen sei und dessen Vater die Uniform der NSKK mit der SA-Uniform lediglich verwechselt habe. Abschließend fordert er eine Versachlichung der Debatte. Ausgerechnet: denn die saargeschichte|n halten es offenbar für angebracht, noch in der gleichen Ausgabe Erich Später und Julian Bernstein auf persönlicher Ebene in einem Satirebeitrag anzugreifen.

In der darauffolgenden Ausgabe der Saarbrücker Hefte zeigt Julian Bernstein die zweifelhafte Arbeitsweise und Aussparungen Wettmann-Jungbluts auf und kritisiert dessen schlechten Stil: Wettmann-Jungblut arbeite vor allem mit persönlichen Attacken und verhindert die von ihm geforderte sachliche Auseinandersetzung primär selbst. In unseeliger Tradition Erich Voltmers setzen saarländische Archivare die Geschichtsklitterei der Causa Röder fort. Einen Beitrag mit ähnlichen Inhalten mit dem Titel „Historiker im Dienst der Vertuschung“ veröffentlichte Bernstein im April 2018 in der Zeitschrift der Lehrer- und Erziehergewerkschaft GEW.

Arbeit von Julian Bernstein mit Medienpreis ausgezeichnet

Am 19. April 2018 veröffentlichte Bernstein unter dem Titel „Historiker als Mythenproduzenten“ einen weiteren Artikel zur Causa Röder. Hierin stellt Bernstein dieThese auf, dass das Verschweigen und Geheimhalten von Röders NS-Vergangenheit unddas Definieren von Röders Haltung als inneres Exil oder gar Widerständigkeit als saarländische Tradition zu begreifen sei, wobei er den Umgang der CDU und der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung mit der Vergangenheit Röders kritisiert. Der etablierten Geschichtswissenschaft der saarländischen Hochschulen sowie den Archiven ist eine strukturelle Verklärung von Röders Vergangenheit vorzuwerfen.

Unserem Redakteur Julian Bernstein wurde für seine Recherche über die vertuschte Nazivergangenheit Franz Josef Röders im Mai 2018 der Alternative Medienpreis in der Kategorie Geschichte verliehen.

„Ein wichtiges Thema, das gerade auch deshalb aufgegriffen werden muss, weil es noch heute Kräfte gibt, die diese Ausleuchtung der Vergangenheit verhindern wollen. Deshalb ein wichtiger Beitrag.“

Juror Klaus Meier

Julian Bernstein erhält den Alternativen Medienpreis in der Kategorie Geschichte, weil er sorgfältig und auch mit persönlichem Risiko verbunden unterbliebene Informationen zur Geschichte des früheren Ministerpräsidenten des Saarlands Franz Josef Röder recherchiert und veröffentlicht hat.

„Der Beitrag zeigt, wie Geschichtspolitik bis heute funktioniert und auch wie mit Stellenbesetzungen in Archiven etc. bis heute Politik gemacht wird. Genau recherchiert, gut belegt und für den Leser immer nachvollziehbar.“

Jurorin Irene Stuiber

Die Kommission für Saarländische Landesgeschichte unter dem Vorsitz von Dr. Gabriele B. Clemens und ihrem Geschäftsführer Wettmann-Jungblut sieht sich zu einer weiteren Stellungnahme veranlasst, veröffentlicht in Ausgabe 2/18 der saargeschichte|n. Dort wird in erster Linie Späters und Bernsteins Arbeitsweise in Frage gestellt. Die beiden Autoren würden mit Unterstellungen arbeiten, für ihre Thesen zu wenige oder keine Belege liefern. Zudem werden sie in die Nähe von diktatorischer Praxis und politischem Populismus gerückt.

Mediale Berichterstattung und versuchte Einflussnahme der Staatskanzlei

Da sich die Debatte insbesondere über Zeitschriftenbeiträge, öffentliche Stellungnahmen und Publikationen vollzog, trug sie selbst bereits den Aspekt medialer Öffentlichkeit in sich. Darüber hinaus berichteten vor allem regionale Medien Saarbrücker Zeitung, SR und die Regionalausgabe der Bild. Doch auch überregional fand die Röder-Debatte immer wieder Beachtung. Insbesondere Stefan Ripplinger, Autor der Saarbrücker Hefte, schrieb mehrere Artikel für bundesweite Zeitschriften. Im Spiegel gab es zur Debatte ein Interview mit Peter Wettmann-Jungblut, und die ARD-Sendung „Panorama“ veröffentlichte sowohl Artikel auf ihrer Onlinepräsenz als auch einen TV-Beitrag.

Bemerkenswert: Die saarländische Staatskanzlei, damals noch unter Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), versuchte, die Berichterstattung aktiv zu beeinflussen. Am 13. November 2017 ließ der Abteilungsleiter für Grundsatzfragen und Öffentlichkeitsarbeit der Landesregierung, Jochen W. Wagner, dem SR-Intentanten Thomas Kleist ein Schreiben zukommen, in dem dazu aufgerufen wird, die Berichterstattung über die Debatte ausgewogener und wissenschaftlicher aufzustellen. Die Staatskanzlei befindet dabei, dass die Position des SR-Journalisten Uwe Loebens jener von Später und Bernstein zu nahe und damit nicht haltbar sei. Zudem wird gefordert, Beiträge zu historischen Debatten einer kritischen Prüfung zu unterziehen sowie den wissenschaftlichen und ideologischen Hintergrund von etwaigen Akteuren zu prüfen. Der Saarländischen Rundfunk, so die Forderung der Staatskanzlei, solle das Thema erneut und fundiert aufgreifen.

Von der Seite der saargeschichte|n, der Kommission für Saarländische Landesgeschichte oder anderen Beteiligten, bis dato zeigte man sich ja ausgesprochen reaktionsfreudig, sagte man zur versuchten Intervention der Staatskanzlei: nichts.


Die Saarbrücker Hefte spielten in der umfassenden, öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung rund um die Vergangenheit des ehemaligen saarländischen CDU-Ministerpräsidenten Franz Josef Röder keine unwesentliche Rolle. Im Folgenden stellen wir die einzelnen, zu diesem Thema in den Heften erschienenen Beiträge im Volltext bereit: